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Rohrbecker Archiv / Raumer-Archiv

Über das Archiv

Ernst Ludwig von Gerlach

Das Gerlach-Archiv enthält den Nachlass des Politikers und Oberlandesrichters Ernst Ludwig von Gerlach (1795-1877) in einem Umfang von ca. 17.000 Unterlagen, einschließlich verschiedener Nebenarchive.

Die im Jahre 1954 für die Friedrich-Alexander-Universität von dem Historiker und Religionswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps akquirierten und heute von der Abteilung Geistesgeschichte des Instituts für Politische Wissenschaft betreuten Bestände umfassen ferner die Korrespondenz der führenden, dem Konservatismus zuzurechnenden Familie von Gerlach aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit zahlreichen herausragenden Persönlichkeiten der politischen Geschichte Preußens, der Kirchen-, Rechts- und Wissenschaftsgeschichte sowie der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte im Allgemeinen.

Ernst Ludwig von Gerlach war einer der führenden Theoretiker und Praktiker eines altständisch-pietistisch geprägten politischen Konservatismus. Er fungierte an entscheidender Stelle als Mitbegründer der konservativen Partei in Preußen sowie der „Neuen Preußischen Zeitung“, die unter dem Namen „Kreuzzeitung“ bis 1933 das meinungsführende Blatt des konservativen Spektrums bleiben sollte. Sein Vertrauter Otto von Bismarck, der 1848 noch zum Gefolge des hochkonservativen Gerlach gehört hatte, entwickelte sich mit seiner Wende hin zu den Kleindeutsch-Nationalliberalen zunehmend zu seinem Gegner, was schließlich in den aufsehenerregenden beiderseitigen Invektiven der 1870er Jahre gipfelte.

Der Nachlass dokumentiert den unmittelbar politischen Niederschlag klassisch-naturrechtlicher, „alteuropäischer“ politischer Ideen und eines hieran orientierten Politikverständnisses in der politischen Praxis des 19. Jahrhunderts. Er umfasst reichhaltige Materialien zur politischen Geschichte Preußens, zur Theologie und Kirchengeschichte (Neupietismus), zur Rechtsgeschichte sowie – dank der Freundschaften der Gebrüder mit namhaften Gelehrten der Zeit und mit bekannten Künstlern der Romantik – zur deutschen Wissenschafts-, Kunst- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Inhalt und Bestände

„Die vier Brüder von Gerlach“ Zeichnung von Fr. Meier (1785-1815) ca. 1810 (WI01269, Ausschnitt)

Insbesondere befindet sich in dem auch als „Gerlach-Rohrbecksches Familienarchiv“ bzw. „Rohrbecker Archiv“ bekannten Bestand der umfangreiche Briefwechsel Ludwig von Gerlachs (ca. 15.000 Briefe von fast 9.000 Korrespondenten) und zahllose behördliche wie private Dokumente, sowie seine Tagebücher (1815 – 1877). Daneben umfasst das Archiv größere Teilnachlässe unter Anderem seines Vaters, Carl Friedrich Leopold von Gerlach (1757-1813), des ersten Oberbürgermeisters von Berlin, sowie seines Bruders, des Generals Leopold von Gerlach (1790-1861).

Das Gerlach-Archiv gehört zu den größten der relativ selten geschlossen und weitgehend vollständig erhaltenen Familienarchiven des 19. Jahrhunderts und enthält bedeutende Dokumente zu allen großen Fragen der Zeit mit ihren gravierenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen. Es erlaubt aufschlussreiche Einblicke in die soziokulturellen Hintergründe des Alltags- und Familienlebens der Bestandsbildner. Ungewöhnlich detailliert dokumentiert es die Politik-, Verwaltungs- und Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts.

Ergänzt wird das „Rohrbecker Archiv“ durch umfangreiche Quellenmaterialien weiterer Familienmitglieder und -zweige sowie durch mehrere Sonderarchive aus dem politisch-religiösen Umfeld derer von Gerlach. Insbesondere das kleinere Familienarchiv des Erlanger Zweiges der Familie von Raumer (Raumer-Archiv) ist hier zu nennen, dessen Archivalien teilweise bis auf das 17. Jahrhundert hinab datieren. Neben den ungedruckten Quellenmaterialien verfügt das Gerlach-Archiv über eine Handbibliothek, die sowohl gedruckte Quelleneditionen als auch einschlägige Sekundärliteratur zur preußischen Geschichte enthält.

Neuerschließung im DFG-Projekt

Brief Otto von Bismarcks an Ludwig von Gerlach vom 26. März 1848 (ER00118; Ausschnitt)

Der ursprüngliche Erschließungsstand des Archivs war für die Zwecke einer systematischen wissenschaftlichen Bearbeitung und Auswertung der Materialien nicht ausreichend, da es lediglich durch ein Namensregister und einen Faszikel-Katalog erschlossen worden war. Aus diesem Grund wurde der gesamte Bestand in den Jahren 2011 bis 2015 im Rahmen des aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Projekts Erschließung und digitale Erfassung des Gerlach-Archivs EDV-gestützt und aktuellem wissenschaftlichen Standard entsprechend neu erschlossen und verzeichnet.

Ziel dieses Projekts war seine erstmalige umfassende Erschließung einschließlich aller Nebenarchive und die Erstellung eines elektronischen Nachlassverzeichnisses. Im Laufe des Projekts wurden mehr als 3.300 Katalog-Datensätze erstellt, mit denen insgesamt gut 17.000 Briefe und Dokumente nach Verfassern, Datierung und Ort, zum Teil auch nach Beschaffenheit und Inhalt erfasst wurden.

Seit Abschluss des Erfassungsprojekts im Frühjahr 2015 sind die Bestände des Archivs im Kalliope-Verbundkatalog für Autographen und Nachlässe vollständig katalogisiert. Eine Kurzfassung des Archivkatalogs wird in Zukunft ebenfalls über diese Seite abrufbar sein.

Benutzung

Das Archiv steht auf Anfrage für wissenschaftliche Zwecke offen. Die Benutzung ist kostenfrei, Kopien und photographische Reproduktionen können nach Absprache und gegen Gebühr angefertigt werden. Interessenten wenden sich bitte zwecks Terminabsprache an den Lehrstuhl.