Studium der Politischen Theorie

Studium der Politischen Theorie

Das Studium der Politischen Theorie ist für Sie sowohl im Bachelor als auch im Master möglich. Auf den jeweiligen Unterseiten (Bachelor/Master) haben wir Informationen über die Anforderungen in der Lehre des Teilbereichs und Arbeitshilfen zur Strukturierung der Lektüre und zur Vorbereitung von Seminararbeiten bereit gestellt. Bei Fragen können Sie sich gerne an alle Mitarbeiter*innen des Lehrstuhls wenden, für allgemeine Fragen zur Studienplanung wenden Sie sich bitte an Sophie Günther.

Im Folgenden erfahren Sie, welche Themenbereiche in der Politischen Theorie behandelt werden. Es lassen sich vier Bereiche untergliedern:

Themenbereiche der Politischen Theorie*

Die politische Theorie weist die längste Tradition im Fach Politikwissenschaft auf. Sie beschäftigt sich aus historischer und philosophisch-systematischer Perspektive mit politischen Grundfragen und politischen Phänomenen und nimmt die wissenschaftstheoretischen und theoretischen Grundlagen des Fachs in den Blick.

Spätestens seit der Antike befassen sich Menschen systematisch mit politischen Fragen. Die Geschichte der politischen Ideen ist im Grunde eine historische Disziplin. Es ist aber in Deutschland üblich, sie der politischen Theorie zuzuordnen – und dies mit gutem Grund: Sie beschäftigt sich mit der Entstehung, Entwicklung und Wirkung der Vielzahl politischer Ideen, die Menschen im Laufe der Geschichte entwickelt haben.

Die politische Ideengeschichte ist damit zugleich ein wesentlicher Teil der Wissenschaftsgeschichte der Politikwissenschaft insgesamt. Ihre Ergebnisse liefern insofern für alle Teildisziplinen des Faches einen historisch gewachsenen Fundus an Ideen, Argumenten, Begriffen, Interpretationen und Fragestellungen, der immer auch das Potenzial bietet, Gegenwartsperspektiven in Frage zu stellen, neu zu denken oder fruchtbar anzureichern.

In der politischen Philosophie geht es nicht nur darum, wie Politik ist, sondern auch, wie sie sein sollte. Welche politischen Ziele sind – unter welchen Bedingungen – sinnvoll oder angemessen? Welche Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele sind – unter welchen Umständen – moralisch zu rechtfertigen? Das sind zwei der allgemeinsten normativ-theoretischen Fragen, mit denen sich politische Philosoph*innen auseinandersetzen.

Zur politischen Philosophie zählt darüber hinaus die Analyse begrifflicher Fragen, die mit normativen Fragen oft fast untrennbar verknüpft sind: Was ist sinnvollerweise gemeint mit dem Wort „Demokratie“, wenn damit (heutzutage) in der Regel der einzige für legitim gehaltene politische Systemtyp bezeichnet wird? Wie ist der Begriff der Macht sinnvollerweise zu definieren, wenn die Definition einerseits der verbreiteten Vorstellung gerecht werden soll, dass es „in der Politik“ vor allem um Macht geht, und andererseits die ebenso verbreitete Meinung stützen soll, dass Machtbeziehungen einer Rechtfertigung bedürfen, um akzeptabel zu sein? Der Fokus der politischen Philosophie liegt nicht auf der Geschichte von Ideen, sondern darauf, Erkenntnisse zu normativ-politischen Fragestellungen zu gewinnen – der historische Fundus an Ideen, Argumenten, Begriffen und Fragestellungen bildet dafür jedoch eine zugleich wertvolle und unverzichtbare Basis.

Grundlage für die Beantwortung politikphilosophischer Fragen ist die Entwicklung und vor allem die Begründung von Wertmaßstäben; die politische Philosophie hat insofern notwendigerweise einen engen Bezug zur Moralphilosophie. Ein anderer notwendigerweise sehr enger Bezug besteht zur Rechtsphilosophie, da Politik wesentlich mit dem Beschließen und Durchsetzen verbindlicher gesellschaftlicher Entscheidungen, also mit der Gestaltung von Rechtsnormen und Rechtssystemen befasst ist.

Das Erkenntnisinteresse in der politischen Philosophie geht letztlich über die rein theoretische Reflexion hinaus: Politische Philosoph*innen wollen auch praxisbezogenes Orientierungswissen für die Gestaltung von Politik erarbeiten, sie begreifen ihr Fach in diesem Sinne also auch als praktische Wissenschaft. Auf Orientierungswissen dieser Art zielt man, wenn man sich bspw. mit Fragen nach dem sogenannten „gerechten Krieg“, der politischen Gestaltung emergierender Technologien oder der Frage einer Gerechtigkeit zwischen den Generationen beschäftigt. Eine vertretbare Lösung politischer Probleme verlangt immer einerseits empirisches Wissen – korrekte Diagnosen des betreffenden Ist-Zustandes ebenso wie technisches Wissen über die Möglichkeiten einer zielgerichteten Einwirkung darauf – und andererseits normative Kriterien für die begründete Wahl politischer Ziele im Lichte der gegebenen Möglichkeiten und der zu erwartenden Folgen politischen Handelns.

Als positive politische Theorie bezeichnet man die allgemeinen theoretischen Grundlagen für die empirische Politikwissenschaft, die Identifikation relevanter Betrachtungseinheiten (Individuen, Gruppen, Staaten, Institutionen, Normen, Systeme?), die Erarbeitung analytischer Modelle und so weiter. Empirische politische Theorien haben das Ziel, politische Phänomene zu verstehen bzw. zu erklären, ggf. auch vorherzusagen. Die positive politische Theorie liefert das gedankliche Instrumentarium dafür und bildet folglich die Grundlage der Forschung in den anwendungsorientierten Teildisziplinen, etwa im Bereich Internationale Politik oder Analyse und Vergleich politischer Systeme.

Zugleich ist sie die theoretische Klammer zwischen den verschiedenen empirischen Teilbereichen, die z. B. dafür zu sorgen hat, dass die verschiedenen Bereichstheorien (also etwa spezielle Theorien der Internationalen Beziehungen einerseits und der Funktionsweise politischer Systeme andererseits) nicht von miteinander unvereinbaren Annahmen über Faktoren ausgehen, die für alle Teilbereiche von Belang sind. Zu den Grundlagen der Politikwissenschaft, die zwischen den einzelnen Teilbereichen kompatibel sein müssen, gehören beispielsweise Annahmen darüber, von welchen Faktoren das Handeln von Akteuren grundsätzlich abhängt, oder Überlegungen dazu, was überhaupt die wesentlichen Determinanten politischer Phänomene sind – etwa, ob Akteure oder Strukturen die wesentliche Rolle spielen: Je nach der Antwort auf diese Frage ergibt sich z. B. eine akteurstheoretische oder eine systemtheoretische Herangehensweise an die Analyse politischer Phänomene.

Auf einer noch grundlegenderen Ebene ist die Wissenschaftstheorie der Politikwissenschaft zu verorten. Für die gesamte Politikwissenschaft stellen sich Fragen wie: Was ist überhaupt politikwissenschaftliches Wissen? Welche Methoden sind auf bestimmte Probleme anwendbar? Mit welcher Art von Argumenten können politikwissenschaftliche Aussagen begründet werden? Welche Fragen können gegenwärtig überhaupt wissenschaftlich behandelt werden?

Die Wissenschaftstheorie der Politikwissenschaft befasst sich mit diesen Fragen. Sie untersucht, was die Politikwissenschaft zur Wissenschaft macht, welche politikwissenschaftlichen Methoden wissenschaftlichen Standards genügen etc. Die Politikwissenschaft wird damit selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion. Ein wichtiges Ziel der Wissenschaftstheorie ist es, Wissenschaft und Spekulation gegeneinander abzugrenzen und Kriterien für die Wissenschaftlichkeit politikwissenschaftlicher Arbeit aufzustellen.

Eine politisch bewusste und gesellschaftlich verantwortliche Politikwissenschaft setzt zudem voraus, das spannungsreiche Verhältnis von Wissenschaft und Politik zu reflektieren (bspw. Wissenschaftsfreiheit als Voraussetzung guter Wissenschaft; ethisch-politische Grenzen der Wissenschaft [Humanexperimente]; Politisierbarkeit der Wissenschaft [auch in der Politikberatung]; normative Expertise in pluralistischen Demokratien; etc.).

Diese knappe Skizze sollte gezeigt haben: Die Gegenstandsbereiche dessen, was im Rahmen des Teilbereichs Politische Theorie zu behandeln ist, sind mit den anderen Teildisziplinen der Politikwissenschaft vielfältig verflochten. Die Politische Theorie reflektiert Methoden, formuliert Fragestellungen, stellt Begriffe und Theorien für die empirische Forschung bereit. Sie beschäftigt sich auf einer normativen Ebene mit der Frage nach einer „guten Politik“ und erarbeitet allgemein und aktualisierend-anwendungsbezogen Begründungen und Bewertungskriterien für politische Institutionen, politisches Handeln und für verschiedene Policy-Optionen.

[*] Weiterentwickelte Version eines Textes von Ruth Zimmerling (herzlichen Dank für die Genehmigung zur Weiterentwicklung und -verwendung!), der seinerseits zurückgeht auf Druwe, Ulrich (1995): Politische Theorie. Neuried, 9-15.