Wissenschaftsfreiheit

Wo ist die Wissenschaftsfreiheit unter Druck?

Abb. 1: Stand der Wissenschaftsfreiheit in 2021.

Das diesjährige Update des Index der Wissenschaftsfreiheit (siehe auch Abb. 1) zeigt zwei beunruhigende Befunde. Erstens gibt es weniger Gewinner als Verlierer – in nur zwei Ländern wurde im Vergleich mit den Werten von 2011 eine positive Entwicklung registriert; in 19 Fällen ist die Wissenschaftsfreiheit rückläufig. Auch im globalen Durchschnitt wird dieser Rückgang sichtbar, besonders wenn man bevölkerungsgewichtete Mittelwerte zugrunde legt. Es zeigt sich, dass die Wissenschaftsfreiheit unter anderem in bevölkerungsreichen Ländern wie beispielsweise in Indien mit ca. 1.3 Milliarden Einwohnern zunehmend unter Druck ist.

Zweitens verläuft der Rückgang der Wissenschaftsfreiheit zeitlich parallel mit der momentan zu beobachtenden Autokratisierungswelle. Diese Welle beschreibt, dass sich mehr Länder zurück zu autokratischen Regierungsformen entwickeln als Länder sich im gleichen Zeitraum demokratisieren. Der Rückzug der Demokratie hält vorläufig an; dies ist auch für den Schutz der Wissenschaftsfreiheit ein beunruhigender Befund. Die hier gezeigten und im  2022 Update näher ausgeführten Daten basieren auf der neuen Version des Academic Freedom Index (AFI), der im Rahmen einer deutsch-schwedischen Kooperation entstanden ist und im Varieties of Democracy-Datensatz Version 12 bereitgestellt wird. Der komplette Datensatz beruht auf Einschätzungen von mehr als 2050 Expert:innen weltweit und ist öffentlich unter einer Creative Commons-Lizenz zugänglich. Zusätzlich steht auch ein benutzerfreundliches Visualisierungstool zur Verfügung. Mehr zum aktuellen Stand der Wissenschaftsfreiheit erfahren Sie in unserem englischsprachigen Bericht Academic Freedom Index 2022 Update.

An dem von der VolkswagenStiftung geförderten Projekt arbeiten Prof. Dr. Staffan I. Lindberg, Direktor des V-Dem Instituts an der Universität Göteborg, Prof. Dr. Katrin Kinzelbach vom Institut für Politische Wissenschaft der FAU, Dr. Lars Pelke (ebenfalls FAU), und Janika Spannagel von der FU Berlin.

Den diesjährigen Bericht erhalten Sie, indem Sie auf das Titelbild klicken.

 

 

 

 

 

Hintergrund zum Index der Wissenschaftsfreiheit

Wissenschaftsfreiheit ist eine Voraussetzung für Forschung und Innovation. Tatsächlich haben sich die meisten Länder der Welt, 171 an der Zahl, im Rahmen des UN-Sozialpakts rechtlich verbindlich dazu verpflichtet, „die zu wissenschaftlicher Forschung und schöpferischer Tätigkeit unerlässliche Freiheit zu achten“ (Artikel 15.3 ICESCR). Diese de jure Verpflichtung sollte nicht mit der de facto Realisierung von Wissenschaftsfreiheit verwechselt werden. Diese de facto Realisierung untersucht der Index der Wissenschaftsfreiheit.

Der unter Beteiligung der FAU entstandene, und gemeinsam mit dem V-Dem Institut jährlich aktualisierte Academic Freedom Index (AFI) liefert den bisher umfangreichsten Datensatz zum Thema Wissenschaftsfreiheit. Der AFI besteht aus fünf Einzelindikatoren: Freiheit der Forschung und Lehre; Freiheit des akademischen Austauschs und der Wissenschaftskommunikation; Institutionelle Autonomie; Campus-Integrität sowie die akademische und kulturelle Ausdrucksfreiheit. Er beruht auf den Einschätzungen von weltweit mehr als 2050 Länderexpert:innen, einem für alle verbindlichen, standardisierten Fragebogen, und einem  erprobtem statistischen Modell, das die Experteneinschätzungen sinnvoll aggregiert. Das von V-Dem implementierte und angepasste statistische Modell erzeugt in der Gesamtschau die besten Daten zu verschiedenen Dimensionen von Demokratie, die der Forschung aktuell zur Verfügung stehen. Der Academic Freedom Index nutzt genau diese etablierte Methode zur Datenaggregation und gibt nicht nur sogenannte Punktschätzungen ab, sondern berichtet auch transparent die Messunsicherheit in der weltweiten Vermessung von Wissenschaftsfreiheit. Die Indexkonzeption wird im Detail hier erläutert. Das Projekt wird von der VolkwsagenStiftung gefördert. In einem Interview gibt der Generalsekretär der VolkswagenStiftung Auskunft über die Förderentscheidung.

Erstmals wurde der Index im März 2020 auf dem Scholars at Risk Global Congress vorgestellt. Zudem wurde er in unterschiedlichen Formaten präsentiert, zum Beispiel im Oktober 2020 auf der Ministerkonferenz des Europäischen Forschungsraums, direkt vor der Verabschiedung der Bonner Erklärung zur Forschungsfreiheit. Im November 2020 bezog sich die Parlamentarische Versammlung des Europarats in einer Resolution auf den Index. In wissenschaftlichen Arbeiten wurde mit dem Daten u.a. in folgenden Publikationen gearbeitet: The Impact of Academic Freedom on Democracy in Africa; Political institutions and academic freedom: evidence from across the world; Academic freedom, institutions, and productivity; Global data on the freedom indispensable for scientific research: towards a reconciliation of academic reputation and academic freedom.

Das Global Public Policy Institute hat gemeinsam mit Scholars at Risk Handlungsempfehlungen veröffentlicht, die aufzeigen, wie unterschiedliche Akteure mit den Indexdaten arbeiten können, um die Wissenschaftsfreiheit zu schützen.

Video von Soapbox/GPPi

 

Neben der mit dem Index verbundenen quantitativen Forschung sind qualitative Fallstudien zur Ergründung der Wissenschaftsfreiheit und ihrer Einschränkungen unerlässlich. Ein Sammelband mit Forschungsrichtlinien und Länderfallstudien wurde im Dezember 2020 bei FAU University Press publiziert.