Abgeschlossene Projekte

Abgeschlossene Forschungsprojekte, Habilitationen und Promotionen am Lehrstuhl II

Promotionen

Dr. Martin Correll

Der Begriff der Anerkennung und seine politische Bedeutung – Versuch einer theoretischen Ausdifferenzierung

Betreuer: Prof. Dr. Clemens Kauffmann

Die Arbeit widmet sich der Aufgabe, den Begriff der Anerkennung theoretisch zu analysieren und dessen politisch-philosophische Grundbedeutung sowie seine relevanten politischen Dimensionen herauszuarbeiten. Methodisch wird dabei auf verschiedene Instrumente zurückgegriffen, die geeignet sind, einen ambivalenten Begriff einzugrenzen. In einer detaillierten Auseinandersetzung mit prominenten Vertreter_innen der Anerkennungstheorie wird der diskursiven Rahmen abgesteckt, in dem die akademische Anwendung des Terminus zumeist stattfindet. Die ausgewählten Theoretiker_innen – Axel Honneth, Charles Taylor, Will Kymlicka und Iris Marion Young – werden also zum einen als standortbestimmende Fixpunkte vorgestellt, die den weiteren Verlauf der Arbeit begleiten, zum anderen aber auch einer kritischen Überprüfung unterzogen, um so die begriffslogischen Lücken ihrer Überlegungen offenzulegen.

Auf die Diagnose der theoretischen Unterbestimmtheit folgt dann der erste Versuch, den Begriff zu definieren und damit nutzbar für die weitere Analyse zu machen. In Anlehnung an die Ausführungen von Giovanni Sartori wird hier zunächst mit der Methode gearbeitet, den Begriff mit anderen, verwandten Termini zu vergleichen und voneinander abzugrenzen. Nach dieser Definition ex negativo wird – gestützt durch die einschlägige Literatur – ein Vorschlag zur positiven Bedeutungszuschreibung des Ausdrucks unterbreitet, der sich auf die Merkmale der Fundamentalität, Reziprozität, Affirmation und politische Wirksamkeit bezieht. Diese, noch auf einer grundlegenden philosophischen Ebene operierende Ausführung stellt jedoch nur die notwendige Vorarbeit für die ebenso wichtige Ausdifferenzierung des Begriffs in seiner politischen Bedeutung dar, die sich an Adressaten, Quellen und Mittel der Anerkennung orientiert. Es wird gezeigt, dass die mangelhafte Unterscheidung der politischen Dimensionen von Anerkennung häufig Verwirrung hinsichtlich normativer Bewertungskriterien bewirkt. Durch die trennscharfe Differenzierung lassen sich Gerechtigkeitsdefizite einer politischen Ordnung exakter lokalisieren und dadurch angemessen kritisieren. Als Konsequenz wird vorgeschlagen, eine zwar anerkennungsorientierte, aber multidimensionale Perspektive einzunehmen, um Kompensationsmöglichkeiten von vorhandenen Anerkennungslücken in bestimmten Bereichen eines Gemeinwesens in den Blick zu bekommen.

Weitere Promotionen


Habilitationen

PD Dr. Hans-Jörg Sigwart

Politische Hermeneutik. Verstehen, Politik und Kritik bei John Dewey und Hannah Arendt

Betreuer: Prof. Dr. Clemens Kauffmann, abgeschlossen: 09/2009

Die Studie befasst sich mit dem politischen Denken John Deweys und Hannah Arendts und versucht dabei, exemplarisch eine grundsätzliche politisch-theoretische Fragestellung herauszuarbeiten. Sie geht von der These einer sachlichen Nähe zwischen dem Problem des Politischen und den Problemen des Verstehens und der Interpretation aus und stellt vor diesem Hintergrund die Frage nach dem politisch-hermeneutischen Problem. Die Arbeit verfolgt also die zweifache Zielsetzung, erstens einen Beitrag zur Diskussion von Deweys und Arendts Werk und zweitens einen konzeptionell-systematischen Beitrag zu einer politisch-theoretischen Grundfrage zu leisten, wobei der Schwerpunkt auf letzterem liegt. Im Vordergrund des Interesses steht daher nicht so sehr ein möglichst umfassender Vergleich von Deweys und Arendts politischer Theorie, bei dem es in erster Linie darum ginge, die Gegenüberstellung der beiden Werke für ein besseres Verständnis ihres jeweiligen Denkens fruchtbar zu machen. Es geht vielmehr um die Frage, was die vergleichende Interpretation von Deweys und Arendts politischem Denken zu einem besseren Verständnis des politisch-hermeneutischen Problems als eines theoretischen Grundproblems beitragen kann.
Vor dem Hintergrund einer kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Tradition hermeneutischen Denkens (von Wilhelm Dilthey über Max Weber bis zu Hans-Georg Gadamer) arbeitet die Studie aus Deweys und Arendts hermeneutisch inspirierten und an angelsächsisch-amerikanischen Politikkonzepten orientierten Arbeiten wesentliche Aspekte des politisch-hermeneutischen Problems und als Konsequenz daraus die Grundlinien eines spezifisch hermeneutischen Begriffs des Politischen sowie einer darauf aufbauenden hermeneutischen politischen Theorie heraus. Das Politische lässt sich auf der Grundlage von Deweys und Arendts theoretischen Überlegungen 1. individuell als ein eigentümlicher Modus der Erfahrung und Interpretation von Wirklichkeit verstehen, welcher 2. objektiv genuin politische kulturelle Konstellationen generiert, die innerhalb soziokultureller Prozesse die Integration von Gesellschaften als sinnhafte Gesamtzusammenhänge begründen. Verstehen als politische Praxis hat demnach eine spezifische Bedeutungsstruktur, welche maßgeblich die Form sowohl des öffentlichen Dialogs innerhalb politisch verfasster Gesellschaften als auch des „öffentlichen Wissens“, das in ihm generiert wird, bestimmt. Wesentliche Eigentümlichkeiten des politischen Erfahrungs- und Interpretationsmodus sind dabei 3. seine selbstreferenzielle Bedeutungsstruktur, welcher allerdings 4. eine eigentümliche Vorstellung von „Selbst“ bzw. des „Subjekts“ der Erfahrung und ihrer Interpretation, nämlich die Vorstellung eines weder individuellen noch kollektiven, sondern eines pluralen Subjekts zugrunde liegt, das sich überhaupt erst und in Permanenz im Vollzug dieser genuin politischen Erfahrung von Individuen und ihrer Interpretation konstituiert und es sich insofern bei der genuin politischen Erfahrung 5. um eine autopoietische Praxis der Interpretation handelt.

Dieser politischen Praxis des Verstehens und den aus ihr erwachsenen Kulturinhalten ist 6. eine eigentümliche Vorstellung von politischer Legitimität inhärent, die sich als die Idee einer partikularen Universalität beschreiben lässt. Bei der Charakterisierung politischen Verstehens in seinen Eigentümlichkeiten greifen sowohl Dewey als auch Arendt 7. auf eine Metaphorik der „ersten Person plural“ zurück, die sich in ihren Implikationen wesentlich von alternativen Konzeptionen, etwa der Metaphorik des „Man“ in Heideggers Existentialhermeneutik, der Metaphorik des „Du“ in Gadamers philosophischer Hermeneutik oder auch der Vorstellung von der „Anonymität“ intersubjektiver lebensweltlicher Zusammenhänge unterscheidet, wie sie für Jürgen Habermas’ Diskurstheorie eigentümlich ist. Verstehen als politische Praxis ist für Dewey und Arendt ein Verstehen im Modus des „Wir“.

In der Frage schließlich nach der Beziehung der politischen Theorie zu solchermaßen beschreibbaren politisch-hermeneutischen Selbst-konstitutionsprozessen von Gesellschaften als die pluralen Subjekte politischen Verstehens nehmen Dewey und Arendt 8. grundsätzlich unterschiedliche Positionen ein. Während Dewey sein politisches Denken bewusst innerhalb des so beschriebenen Politischen verortet und entsprechend eine Konzeption von politischer Theorie als immanente politische Hermeneutik formuliert, wendet Arendt die politisch-theoretische Perspektive im Rahmen einer offenen politischen Hermeneutik reflexiv auf die Bedingungen und Grenzen des politischen Modus von Erfahrung und Interpretation selbst, wodurch die Frage einer „Kritik des Politischen“ in den Blick gerät.

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